Andacht KW16

Liebe Zweifler und Suchende!

„Wenn ich nicht mit eigenen Augen seine Wunden in den Händen und in seiner Seite sehe, glaube ich nicht, dass Jesus auferstanden ist!“ So reagiert der Jesus-Jünger Thomas auf die überschwängliche Freude seiner Freunde, Jesus sei vom Tod auferstanden und bei ihnen gewesen. Er kann nicht glauben, wenn er nicht selber sehen, anfassen, be-greifen darf. - Thomas würde gut in unsere heutige Zeit passen! Er hält nichts von ihrer „Gefühlsduselei“, und überhaupt: er glaubt nur, was er sieht! (Johannesevangelium 20,19ff.)  

Nun wissen wir ganz gut, dass auch die Augen getäuscht werden können. Vor einigen Jahren waren Kipp-Bilder modern, die von einem bestimmten Winkel aus gesehen plötzlich ein ganz anderes Bild darstellen. Manche sogar mit 3-D-Effekt, obwohl sie definitiv nur zweidimensional waren. Oder denken Sie an manipulierte Fotos oder sogar Videos. Man kann sie heute beliebig bearbeiteten. Was also kann man überhaupt noch glauben, wenn man nicht einmal seinen eigenen Sinnen trauen kann?

Thomas quält der Zweifel. Sicher, Jesus hat öfter von der Auferstehung geredet. Aber meist verklausuliert, in Bildern. Einmal hat er von einer Wohnung bei Gott gesprochen, die Jesus vorbereiten will, damit die Jünger später nachkommen und dort wohnen können. Auch da hatte Thomas schon seine Bedenken. Ein Haus im Himmel? Das klingt ja geradezu lächerlich! – Aber leider reicht weder unsere Erfahrung noch unser Verstand so weit, sich das Leben in der Ewigkeit konkret vorstellen zu können – geschweige denn zu wissen, wie es wirklich ist! (Johannesevangelium 14,1-7)

Für Thomas ist also eigentlich klar, dass die Auferstehung Jesu nur der verwirrten Phantasie der trauernden Freunde entsprungen sein kann. Bis er Jesus tatsächlich gegenübersteht. Da weiß er plötzlich, dass die anderen Recht haben. Dazu braucht er den Auferstandenen nicht einmal eingehender auf seine Wunden hin untersuchen. Er ist es wirklich! Und er bekennt: „Mein Herr und mein Gott!“. Beneidenswert!

Mir ist Thomas sehr sympathisch mit seinem Zweifel. Was in der Bibel steht und was die Tradition an Glaubenssätzen bereithält, das deckt sich nicht immer mit meiner Erfahrung und meinem Nach-Denken. Aber darum geht es wohl auch nicht, alles unhinterfragt und leichtgläubig nachzusprechen. Jesus, Gott, kann das offenbar aushalten, wenn wir zweifeln. Er gibt jedenfalls dem Thomas die Chance, sich selbst von der Richtigkeit der Aussage der Jünger über seine Auferstehung zu überzeugen.

Nein, wichtiger ist, Gott zu vertrauen. „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“, sagt Jesus zum Schluss. Ein Formel-Glaube trägt und tröstet nicht. Einzig das Vertrauen darauf, dass Gott mich kennt und mich wichtig nimmt und mich mit meinem Zweifel aushält, das hilft mir zum Leben. Wenn ich Gott trauen kann, vertrauen kann, dann ist es nicht so wichtig, ob ich in allen Details das Glaubensbekenntnis richtig finde. Eines Tages wird sich mir vielleicht der Sinn erschließen. Ich muss meinen Verstand nicht ausschalten, um an Gott zu glauben. Aber wenn ich Gott und seiner Liebe zu mir glauben kann, wird er für mich auch Wege finden durch Angst und Unsicherheit und Not, so wie wir es jetzt erleben in Zeiten der Corona-Pandemie.

Das also lese ich aus der Geschichte des „ungläubigen“ Thomas: Dass Gott mich einlädt, seiner Liebe zu mir zu trauen. Er kommt mir dabei weit entgegen, so wie dem Thomas. Und er hilft mir, das Undenkbare zu glauben: dass Jesus, der gekreuzigt und begraben wurde, tatsächlich auferstanden ist und lebt! Das aber ändert alles: für mein Leben und auch für mein Sterben. Und ich bekenne: „Mein Herr und mein Gott!“

Amen.

Es grüßt Sie herzlich

Heike Klute, Pfarrerin