Andacht KW20

Sonntag „Rogate“ („Betet“)

Liebe Gemeindeglieder, liebe Gäste,

„Beten allein hilft nicht!“ Vor einiger Zeit konnte man diesen Satz auf Plakaten lesen. Ärzte und Krankenschwestern baten damit um Spenden für eine gemeinnützige Organisation.

Nun, das ist wohl wahr: wenn ich die Hände in den Schoß lege und alles Gott überlasse – das kann nicht gut funktionieren. Eher gehören Beten und Handeln zusammen; man kann nicht eins gegen das andere ausspielen.

„Beten allein hilft nicht“. Mit diesem plakativen Satz ist wohl nicht gemeint: Beten hilft generell nicht. Das könnte man ja annehmen, wenn man Gott schon mit allem Möglichen in den Ohren gelegen hat. Nach der Art: „Gott, hilf den Armen in der Welt! Lass die Kranken wieder gesund werden. Gib mir ein schönes Leben“. Usw.

Jesus empfiehlt zwar in einem Gleichnis, Gott zu jeder Tages- und Nachtzeit zu bedrängen, wenn es wichtig ist. Er erzählt die Geschichte von einem Menschen, der sehr spät abends noch Besuch bekommt von einem Freund aus einer anderen Stadt. Natürlich möchte er ihm etwas zu essen geben, damit er sich stärken kann. Weil aber sein Brot aufgebraucht ist und es zu lange dauern würde, neues zu backen, geht er zu seinem Nachbarn und bittet ihn um Brot. Jesus sagt: „Wenn der Nachbar schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er braucht“ (Lk 11,5-13).

Gott gibt uns gern und reichlich. Aber ich denke nicht, dass das die einzige Art ist, wie wir mit Gott umgehen sollten. Diese Geschichte kann man so verstehen, als wäre Gott eine Wunschmaschine, die nur dazu da ist, alle Probleme aus dem Weg zu räumen. Aber so beten wir leider oft. Wir fordern und betteln wie der bittende Freund in dem Gleichnis. Wenn allerdings unsere Wünsche nicht erfüllt werden, scheint das der beste Beweis, dass alles Beten nicht hilft.

Vielleicht sollten wir einen neuen Versuch mit dem Beten wagen. Von einer neuen französischen Bibelübersetzung las ich, dass darin Gott an manchen Stellen bewusst gesiezt wird. Erst einmal scheint mir das gewöhnungsbedürftig, hat Jesus selbst Gott doch sogar als „Abba“, also „Papa“ genannt. Wieso sollten wir ihn also mit „Sie“ anreden!?

Ich denke, es hat etwas mit unserer Haltung zu tun. „Meinem Papa“ kann ich wie ein Kleinkind sagen: „Gib mir! Mach mal! Ich will!“ Einem Fremden, den ich sieze, würde ich so nicht gegenübertreten. Eher würde ich ihm meine Notlage oder mein Problem erklären – so wie der Freund in der Geschichte. Oder ich würde mit ihm meine Sache erörtern. Gemeinsam mit ihm überlegen. Aber wohl nicht betteln und fordern wie ein kleines Kind. Dann würde ich das, was ich Gott bitten will, vielleicht sogar mit anderen Augen sehen. Würde konkreter sagen können, was genau ich denn brauche. Was genau jetzt wichtig ist. Wo ich allein nicht weiterkomme. Und womöglich würde mir dann einfallen, wo die Lösung zu suchen ist. Und was ich selber dazu beitragen kann, um das Problem zu lösen. Oder ich wäre offen für ganz neue Denk- und Lösungsansätze.

Beten wäre dann ein echtes Gespräch mit Gott, in dem ich sage, was mich bewegt, und gemeinsam mit Gott nach einer Lösung suche. Und wenn dann mein Vertrauen in Gott so weit wächst, dass ich am Ende wieder „Papa“ zu ihm sagen kann, wäre das wunderbar. Dann wüsste ich auch, dass Beten allein tatsächlich nicht hilft, sondern dass auch mein Handeln gefragt und notwendig ist. Und sei es, dass ich in meine Tasche greife und mit Geld diejenigen unterstütze, die Hilfe an anderen konkret werden lassen.

 

Herzlichst

Heike Klute