Andacht zu Pfingsten

Andacht zu Pfingsten

Liebe Mitchristinnen und Mitchristen!

Von einer Erfahrung möchte ich Ihnen erzählen, die ich auf dem Flachsmarkt an der Burg Linn vor vielen Jahren gemacht habe. Ausgestellt war hier auf einer der Wiesen ein großes Instrument, das ich bis dahin noch nicht kannte: ein großes begehbares Holzgestell, das an den Seiten einige gespannte Saiten hatte, ähnlich wie die eines Klaviers oder Flügels. Der Erbauer lud mich ein, mich zwischen die Balken zu stellen – und ein wenig Geduld zu haben. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete. Ich stand also in dem Instrument und hörte: nichts! Nichts außer den üblichen Geräuschen auf dem Flachsmarkt. Ich befürchtete, dass ich etwas falsch gemacht hätte, und wollte gerade wieder hinaustreten, da war es plötzlich da: ganz leise, aber eindringlich. Ein tiefer Ton, dem sich bald sehr harmonisch weitere anschlossen. Ich sah mich um, konnte aber nicht erkennen, wie der Ton erzeugt wurde. Der Ton schwoll an und wechselte mit anderen, wurde leiser und wieder lauter, und es baute sich ein ganzes Klanggebäude über und in mir auf. Leise, aber sehr, sehr intensiv. Dann verebbte der Ton. – Ein wunderbares Hörerlebnis!

Der Erbauer erklärte mir: es handelte sich um eine sog. Windharfe. Sie wird nicht von Menschenhand gespielt, und der Ton wird auch nicht elektronisch erzeugt. Der Wind streicht an den gespannten Saiten entlang und erzeugt dadurch einen tiefen Ton. Darüber bauen sich Obertöne auf, die diesen intensiven Klang ergeben. Gut, dass es nur ein laues Lüftchen an diesem Tag gab; so waren es sehr zarte, schwebende Töne, die ich gehört habe. Nur ein klingender Hauch, aber sehr, sehr intensiv und tief bewegend!  //

So ähnlich muss es den Jüngern an dem allerersten Pfingstfest mit dem Heiligen Geist ergangen sein. Von einem gewaltigen Wind oder einem mächtigen Rauschen ist in der Pfingstgeschichte die Rede, der die Jünger erfasst und erfüllt hat in dem Haus, in dem sie versammelt waren. Es muss eine gewaltige und bewegende Erfahrung gewesen sein. Etwas völlig Neues, Großes, und zugleich zart und wunderschön. So schön, dass sie „entbrennen“ und von innen leuchten, von Gottes Liebe und Größe und Schönheit erfüllt.

Auch andere hören und sehen, dass da etwas passiert, und fragen, was los ist. Da haben die, die sich aus Angst die letzten sieben Wochen möglichst unsichtbar gemacht hatten, den Mut, herauszugehen und den Menschen Rede und Antwort zu stehen. Petrus hält die Rede seines Lebens. Er predigt von Jesus, dem Gottessohn, der von Gott aus dem Tod erweckt wurde und zu seiner Rechten im Himmel gesetzt wurde. Und vom Heiligen Geist, der ihnen verliehen wurde, um ihnen von ihrem Glauben an Jesus, den Christus zu erzählen.

Die anderen Jünger reden auch, und alle haben den Eindruck, dass sie in ihrer Muttersprache verstehen können, was die Jünger sagen. Bei vielen treffen ihre Worte ins Herz. An diesem Tag bekommen die Jünger viel zu tun: 3000 Menschen wollen getauft werden und mehr über Jesus und Gottes Liebe erfahren. -                           Nachlesen kann man diese Geschichte im zweiten Kapitel der Apostelgeschichte. //

Der Heilige Geist Gottes war also zu den Jüngern gekommen, so wie Jesus es ihnen versprochen hatte. Der Tröster. Gottes Geist, der schon bei der Schöpfung über den Wassern schwebte, als die Erde und das Leben auf ihr noch nicht gestaltet war. Ruach auf Hebräisch. Hauch, Lebenshauch. Lebensatem. Die Schöpfer- und Lebenskraft Gottes. Und: Wind. Macht. Kraft. Mut. Es ist kaum erschöpfend zu beschreiben, was und wie Gottes Geist ist und wirkt.

Er wirkt. Wenn man ihn bittet und erwartet. Und er wirkt immer wieder anders. Gutes. Manchen treibt er, genau jetzt zu tun, was getan werden muss: ein Anruf bei einem bestimmten Menschen z.B. Und es stellt sich heraus: es war das rechte Wort zur rechten Zeit. Es hat alles geändert. - Der Heilige Geist öffnet Augen, Ohren und Herzen für Neues. Er ermöglicht Gemeinschaft und öffnet Menschen für Frieden und Liebe.

Die Ruach, der Heilige Geist ist die Kraft Gottes, die uns im richtigen Moment geschenkt wird. Wenn wir dafür offen sind. Eine Macht, die man nicht greifen und festhalten oder darüber verfügen kann. Aber darum bitten können wir. Immer wieder: „Komm, Heiliger Geist, erfülle deine Menschen und entzünd‘ in ihnen das Feuer deiner göttlichen Liebe. Hilf uns, im Glauben an Gott zu leben.“ Amen.

Frohe Pfingsten!

Heike Klute